AnnenMayKantereit - 12

AnnenMayKantereit – Es schlägt 12

Es ist schwer greifbar, was AnnenMayKantereit da in der Nacht zu Dienstag veröffentlicht haben. Ist es noch die selbe Band, die mit den großen, direkten Songs, wie Oft Gefragt, Nicht Nichts, Pocahontas, Marie, Ozean oder Ausgehen ein riesiges Publikum erreichten?! Mit ihren klaren Worten wurden sie zum Sprachrohr einer Generation und gleichzeitig schafften sie den Spagat, keineswegs kitschig zu klingen und damit selbst die größten Kritiker von deutschsprachigen Boybands zu begeistern. Genau genommen sind AnnenMayKatereit zwar eine Band voller Jungs, doch könnte ihre Musik nicht weiter weg von der Musik und Struktur einer Boyband sein. Mit ihrem Überraschungsalbum 12 haben Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit nun am späten Montagabend ihr drittes Album und gleichzeitig nichts Geringeres, als ein Kunstwerk veröffentlicht. Dabei ist es kaum greifbar, wie sich die drei Musiker durch die vergangenen Monate arbeiten. Denn 12 ist ein Lockdown-Album aus der Sicht von Menschen, denen als Musiker die Arbeitsgrundlage entzogen wurden, als Songwriter gegen eine Inspirationsbarriere kämpfen und als junge Menschen der Möglichkeit beraubt sind, soziale Interaktion auszuleben. Zählt Letzteres für die gesamte Bevölkerung in Deutschland, sprechen die Texte auf 12 Bänder von Entrüstung, Schock, Resignation und puren Momenten, in denen man sich wünscht, dass alles nur ein Traum ist und man schnellstmöglich aus dem Bett fallen möchte, um wieder aufzuwachen.

AnnenMayKantereit Foto: Lenny Rothenberg
AnnenMayKantereit Foto: Lenny Rothenberg

Hier hören wir Songs – wie Gegenwart – der von der Angst des Sängers mit Blick auf die Zukunft spricht. Erzählt er hier von geschlossenen Kneipen, Kinos und Theatern, wird das Gefühl, in Zeitlupe zu leben, unweigerlich stärker. Auf Gegenwartsbewältigung wird dem Schock auch der Grund genannt. Corona. 12 ist gerade deshalb ein so bemerkenswertes Album, da sich die Band in eine völlig neue Umgebung begibt. Hier spielen erzählerische Elemente eine große Rolle und wirkt das ganze Album wie ein Poetry Slam und Spoken Word Moment. Es ist weniger der melodische Gesang, der auf 12 so fasziniert. Durch Wiederholungen spielt May mit den Worten und ihrer Wirkung. AnnenMayKantereit haben mit 12 ein Album veröffentlicht, das keiner auf dem Schirm hatte – Anfang 2020 wohl selbst die Band nicht einmal. Was sich dabei entwickelt hat, ist ein Tagebuch mit 16 Kapiteln, welches die Eindrücke der Band so pur wiedergibt, dass wir uns – ähnlich eines Hörbuchs – nach jeder einzelnen Geschichte in Songform auf die nächste Geschichte freuen. AnnenMayKantereit bleiben auch mit ihrem dritten Album eine der wichtigsten Bands in der deutschen Musiklandschaft und faszinieren mit Texten, die so klar und gewaltig sind, dass das Album auch nach mehrmaligem Hören nicht seine komplette Weite erkennen lässt.

The Streets feat. Tame Impala - Call My Phone Thinking I'm Doing Nothing Better

The Streets feat. Tame Impala – Der britische Adel ist zurück

Der Brite Mike Skinner steht wie kaum ein anderer Künstler für die britische Hochzeit der innovativen Musik in den 2000ern. Mit seiner Band The Streets veröffentlichte er Musik von der Straße für die Straße. Dabei bedeutete dies nicht etwa eine heruntergekommene Welt zu präsentieren – vielmehr ist es die Sprache und das Gefühl, mit dem sich in den 2000ern vor allem die Working-Class der britischen Bevölkerung identifizieren könnte. Zu den größten Hits zählen Weak Become Heroes (2002), Fit But You Know ItDry Your EyesBlinded By The Lights (alle 2004), und When You Wasn’t Famous (2006). Durch die kritischen und mitunter brutal offenen Songtexte schafften es The Streets schließlich auch sehr schnell den Feuilleton zu begeistern und wurden über die Landesgrenzen hinaus zu einem Vorreiter für intelligenten Garage, Grime und Alternative Hip-Hop. Gleichzeitig sorgten die Beats aber auch immer mehr dafür, dass The Streets auf Partys angesagt waren und sich so bis in die Upper Class etablierten. Doch 2011 war vorerst Schluss mit The Streets – die Band und Mike Skinner brauchten Abstand zu ihrer Musik. Knapp sieben Jahre später folgte Ende 2017 mit Burn Bridges schließlich wieder ein erster neuer Song von The Streets. Mit If You Ever Need to Talk I’m Here, You Are Not The Voice In Your Head und Call Me In The Morning (alle 2018) folgten weitere Songveröffentlichungen. Doch erst mit der nun veröffentlichten Zusammenarbeit mit den Australiern von Tame Impala auf Call My Phone Thinking I’m Doing Nothing Better haben The Streets auch eine neuen Lonplayer in Form des Mixtapes None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive angekündigt. Hierauf werden 12 Songs mit Featuring-Acts, wie IDLES, Chris Lorenzo, Ms Banks, Rob Harvey zu finden sein. Ebenso angekündigt hat Mike Skinner, dass ebenfalls mit einem neuen Studioalbum von The Streets zu rechnen sei. Auf dem knapp drei minütigen Song Call My Phone Thinking I’m Doing Nothing Better harmoniert Mike Skinners Rap mit zuckenden Beats und Klavierbegleitung. Ebenso passend fügt sich Tame Impala im Refrain in den schwelgerischen Song ein, der nach alten Momenten greift und dadurch eine Art Sehnsuchtsmoment an die großartige Zeit der 2000er erschafft. Die Rückkehr The Streets stellt damit die Rückkehr des musikalischen Adels Großbritanniens dar und lässt auf großartige neue Musik hoffen.

Shallou & Emmit Fenn - All Your Days

Shallou feat. Emmit Fenn – Verträumt aber groß gedacht

Vor fast genau einem Jahr konntet Ihr hier auf SOML über den US-Amerikanischen Produzenten Joe Boston – alias Shallou – und seiner Single You And Me lesen. Nachdem seine EP Souls im Frühjahr 2018 erschien und er eine ausgedehnte Welttournee – auch durch Europa – hatte, blieben die Mühlen nicht stehen. So veröffentlichte Shallou neben Remixen für andere Musiker Ende November mit Count On eine frische neue Single. Diese wird jetzt abgelöst durch All Your Days und der Zusammenarbeit mit dem Singer/Songwriter und Multiinstrumentalisten Emmit Fenn. Hier mischt Shallou die gewohnt entspannten Elemente mit hymnenhaften Highs und wird Fenns beruhigender Gesang durch einen öffnenden Sound – zusätzlich zu seiner treibenden Stimme – angehoben. Schließlich bricht Shallou mit seiner Produktion in der letzten Minute völlig aus und kreiert eine grandiose Stimmung – getragen von Kraft, Emotionen, Energie und einem Willen, dass jeder Schritt zählt. Dabei zeigt die Geschichte All Your Days wo die Reise hingehen sollte. Geschrieben von Fenn, war der Text eigentlich für Coldplay gedacht. Zusammengekommen mit Shallou erzeugten sie ein positives Liebeslied, welches mit dem elektronischen Soundbett seine emotionale Wirkung nochmals steigert. Diesem Credo des groß Denkens folgt Shallou auch abseits seiner Musik und unterstützt mit seiner 2016er EP All Becomes Okay den EDF – Environmental Defense Fund – der sich für den Klimaschutz und das bewusst werden in der Bevölkerung einsetzt. Mit jeder Spende an den EDF gibt Shallou hier seine EP All Becomes Okay kostenfrei raus und mischt damit wunderbar die Unterstützung einer so wichtigen Organisation mit dem Willen Musik zu genießen. Nach veröffentlichten EPs im Frühjahr 2017 und Frühjahr 2018 dürfte jetzt bald auch auf eine neue EP mit Count On und All Your Days zu hoffen sein. Ich bin gespannt und werde Shallou weiterhin begleiten.

The Good, The Bad & The Queen – Goodbye Europe

Damon Albarn tanzt bekanntlich auf vielen Hochzeiten. Sei es als Solokünstler, als Mitglied von den Gorillaz oder Blur oder als Teil der Supergroup The Good, The Bad & The Queen. Mit letzterer Band ist Albarn nun wieder zurück. So veröffentlichte die vierköpfige Band am vergangenen Freitag – elf Jahre nach deren gleichnamigen Debütalbum – nun mit Merrie Land ihr zweites Studioalbum, das geprägt vom Brexit mit einem kritischen und irritierenden Blick auf die Geschehnisse in ihrem Land eine Stimmung aufgreift, die alles noch absurder wirken lässt. So beschreibt Paul Simonon, vormals als Bassist von The Clash bekannt, ihre Musik als Anspielung auf die nostalgische, sentimentale Vision der Menschen, wie England einst war – die es aber nie wirklich gegeben hat. Mit Drummer Tony Allen und Gitarrist und The Verve Keyboarder Simon Tong haben Albarn und Simonon ein Album produziert, das wie ein Abgesang auf die Zukunft klingt. Mit dem allseits gegenwärtigen Goodbye-Gefühl klingen die beiden Singles Gun To The Head und Merrie Land nach einer resignierenden Bevölkerung, die ihrem Übel müde entgegenblickt. Da werden die Songzeilen If you’re leaving can you please say goodbye. And if you are leaving can you leave your number. I’ll pack my case. And get in a cab. And wave you goodbye fast schon süffisant von Albarn intoniert. So, dass man sich kurzzeitig genötigt sieht, die Briten an die Hand zu nehmen und aufs Festland und an sich reißen zu wollen. The Good, The Bad & The Queen sind nach über einer Dekade mit einem politisch brisanten, zweiten Album zurück und werden so ein Teil der Geschichte des Verlassens von Großbritannien aus der EU sein.